Junge am Steuer eines historischen Segelschiffs blickt konzentriert in die Ferne – symbolisch für die Suche nach Ursachen hinter steigenden Autismusraten weltweit.
Gesundheit

Autismus nimmt nicht nur stark zu – Autismus explodiert.

28. Feb. 20265 Min. Lesezeit
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Von wenigen Fällen zu 1 von 31 Kindern

Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren galt Autismus als ausgesprochen selten. Frühe epidemiologische Untersuchungen in Europa und den USA fanden meist nur etwa 2 bis 4 Fälle pro 10.000 Kinder – also ungefähr 1 von 2.500 bis 1 von 5.000. Eine britische Untersuchung von 1966 kam beispielsweise auf rund 4,5 Fälle pro 10.000 Kinder. Allerdings wurden damals wesentlich engere Diagnosekriterien verwendet als heute, sodass sich diese Zahlen nicht direkt mit dem heutigen Autismus-Spektrum vergleichen lassen. (PubMed Central (PMC))

Heute sieht das Bild völlig anders aus. Nach den neuesten Daten des amerikanischen CDC wurde 2022 bei 1 von 31 achtjährigen Kindern – rund 3,2 Prozent – eine Autismus-Spektrum-Störung erfasst. Im Jahr 2000 lag der entsprechende CDC-Wert noch bei 1 von 150. Allein innerhalb von gut zwei Jahrzehnten hat sich die registrierte Prävalenz damit nahezu verfünffacht. (CDC)

Auch aus Südkorea wurden außergewöhnlich hohe Werte berichtet. Eine große Untersuchung von mehr als 55.000 Kindern im Alter von sieben bis zwölf Jahren kam bereits 2011 auf eine geschätzte Prävalenz von 2,64 Prozent – etwa 1 von 38 Kindern. Diese Zahl wird bis heute häufig zitiert, stammt jedoch aus einer einzelnen Region und einem besonders intensiven Screeningprogramm und sollte deshalb nicht einfach als aktuelle nationale Rate für ganz Südkorea dargestellt werden. (PubMed)

Demgegenüber werden aus Ländern wie Indien, China oder vielen afrikanischen Staaten teilweise erheblich niedrigere Raten gemeldet

Trotzdem bleibt der Anstieg bemerkenswert: Von ungefähr 1 Autismusdiagnose auf mehrere Tausend Kinder in den 1960er- und 1970er-Jahren bis zu heute 1 von 31 Kindern in den untersuchten US-Gebieten ist eine enorme Veränderung. Erweiterte Diagnosekriterien und bessere Erkennung erklären zweifellos einen großen Teil davon. Die spannende und bislang nicht abschließend beantwortete Frage ist jedoch: Erklären sie wirklich alles – oder hat sich auch die tatsächliche Häufigkeit verändert? (PubMed Central (PMC))

Wenn Zahlen innerhalb weniger Jahrzehnte derart stark steigen, sollte man sehr genau hinschauen und Fragen stellen.

Nicht nur die USA – auch Europa sieht steigende Zahlen

Die USA sind besonders auffällig, aber keineswegs allein.

In den USA wurde im Jahr 2000 bei etwa einem von 150 achtjährigen Kindern eine Autismus-Spektrum-Störung erfasst. Für 2022 meldete das amerikanische CDC bereits eines von 31 Kindern – 3,2 Prozent. Damit hat sich die erfasste Prävalenz innerhalb von gut zwei Jahrzehnten fast verfünffacht. Und selbst zwischen 2020 und 2022 stieg sie in den vergleichbaren CDC-Regionen nochmals deutlich. (CDC)

In England ergab eine Untersuchung von mehr als sieben Millionen Schulkindern eine Autismusprävalenz von 1,76 Prozent. Bei Jungen waren es 2,81 Prozent, bei Mädchen 0,65 Prozent. Neuere englische Versorgungsdaten kommen bei bestimmten Altersgruppen sogar auf annähernd drei Prozent diagnostizierte Kinder. (DOI)

Auch für Deutschland zeigt sich ein deutlicher Anstieg. Eine ältere Auswertung gesetzlicher Krankenkassendaten ergab bereits zwischen 2006 und 2012 einen Anstieg diagnostizierter Autismus-Spektrum-Störungen bei 0- bis 24-Jährigen von 0,22 auf 0,38 Prozent. Neuere OECD-Daten zeigen für eine große Krankenkasse einen weiteren Anstieg von 0,4 Prozent im Jahr 2013 auf 0,8 Prozent 2019; seitdem blieb dieser Wert dort weitgehend stabil. Deutschland besitzt allerdings bis heute keine wirklich gute landesweite populationsbasierte Autismusstatistik. Warum ? (PubMed)

Noch eindrucksvoller sind aktuelle Daten aus Dänemark. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von 2,8 Millionen Kindern und Jugendlichen verfolgte die Entwicklung von 2000 bis 2024. Die ASD-Inzidenz stieg bei Jungen von 9,5 auf 61 pro 10.000 und bei Mädchen von 2,3 auf 40 pro 10.000. Die kumulative Wahrscheinlichkeit einer ASD-Diagnose bis zum 18. Lebensjahr lag in dieser Kohorte zuletzt bei 5,3 Prozent. (Springer Nature Link)

Das sind Zahlen, bei denen man unbedingt fragen darf:

Was verändert sich hier eigentlich?

Weltweit ungefähr einer von 127 – aber die Unterschiede sind gewaltig

Die WHO schätzt, dass 2021 weltweit etwa einer von 127 Menschen autistisch war. Sie weist gleichzeitig ausdrücklich darauf hin, dass die tatsächliche Prävalenz in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen schlicht nicht bekannt ist. (Weltgesundheitsorganisation)

Eine große systematische Übersicht fand international einen Median von etwa 1 Prozent, allerdings mit enormen Unterschieden zwischen einzelnen Untersuchungen.

Keine Diagnose ist nicht dasselbe wie kein Autismus.

Trotzdem wäre es wissenschaftlich genauso bequem, jede geografische Differenz ausschließlich mit Unterdiagnostik abzutun.

Bessere Diagnostik erklärt viel – aber erklärt sie alles?

Die Definition von Autismus hat sich stark verändert.

Kinder, die früher vielleicht als sonderbar, sprachverzögert, schwierig oder schlicht als Einzelgänger galten, werden heute wesentlich gezielter untersucht. Asperger-Syndrom und andere Diagnosen wurden in das heutige Autismus-Spektrum integriert. Mädchen und Kinder ohne geistige Behinderung werden inzwischen häufiger erkannt.

Das erklärt zweifellos einen beträchtlichen Teil des statistischen Anstiegs.

Aber inzwischen beschäftigt sich auch die Forschung zunehmend mit der Frage, ob zusätzlich reale biologische Veränderungen eine Rolle spielen.

Eine aktuelle wissenschaftliche Übersicht kommt zu dem Schluss, dass diagnostische Veränderungen den Anstieg nur teilweise erklären könnten und dass genetische Veranlagung mit modernen Umweltbelastungen zusammenwirken dürfte. Als wichtige Zeitspanne wird dabei immer wieder die Schwangerschaft genannt. (PubMed)

Genau dort würde ich anfangen zu suchen.

Autismus ist genetisch – aber Gene verändern sich nicht innerhalb von 20 Jahren

Autismus besitzt höchst wahrscheinlich eine genetische Komponente.

Doch unsere Gene verändern sich nicht innerhalb von zwei oder drei Jahrzehnten in einem Tempo, das allein einen derartigen statistischen Anstieg erklären könnte.

Deshalb ist die interessantere Frage:

Welche Umweltbedingungen treffen auf diese genetische Empfindlichkeit?

Die WHO nennt unter anderem höheres Alter der Eltern, Diabetes der Mutter, Frühgeburtlichkeit, schwere Geburtskomplikationen, niedriges Geburtsgewicht sowie pränatale Belastung mit Luftschadstoffen und bestimmten Schwermetallen als Faktoren, die häufiger mit Autismus verbunden sind. (Weltgesundheitsorganisation)

Aber was ist mit Kaiserschnitt und Mangelerscheinungen in der Schwangerschaft?

Dabei handelt es sich nicht um „die Ursache des Autismus“.

Pestizide – eine Spur, die man nicht ignorieren sollte

Hier wird es für mich besonders interessant.

Eine Metaanalyse zur Pestizidbelastung während der Schwangerschaft wertete 19 Untersuchungen aus. Mütterliche Pestizidexposition war mit einem erhöhten ASD-Risiko verbunden; für Organophosphate ergab sich ein Anstieg von etwa 14 Prozent, für Pyrethroide von etwa 40 Prozent. (PubMed)

Eine ganz neue Metaanalyse von 2026 untersuchte 46 Studien mit fast 26.000 Teilnehmern und fand ebenfalls Hinweise darauf, dass pränatale Organophosphatbelastung mit ungünstiger neurologischer Entwicklung bei Kindern verbunden ist. (PubMed)

Auch eine 2024 veröffentlichte systematische Übersicht kommt zu dem Ergebnis, dass Belastungen mit Pestiziden, Metallen und Luftschadstoffen während Schwangerschaft und früher Kindheit zu den ernst zu nehmenden Kandidaten bei neurologischen Entwicklungsstörungen gehören. (PubMed)

Für mich stellt sich hier eine ganz grundsätzliche Frage:

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass viele Pestizide gezielt auf das Nervensystem von Insekten wirken.

Warum sollte es uns dann überraschen, dass die Forschung bei einer Belastung während der empfindlichsten Phase menschlicher Gehirnentwicklung nicht betrifft?

Luftverschmutzung – das Gehirn entwickelt sich nicht unter einer Glasglocke

Dasselbe gilt für Feinstaub.

Eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse von Studien zur Belastung während der Schwangerschaft fand für pränatale Feinstaubexposition eine statistische Verbindung mit einem erhöhten ASD-Risiko. Insgesamt lag die gepoolte Risikoerhöhung bei etwa 34 Prozent, wobei zwischen den Studien erhebliche Unterschiede bestanden. (PubMed)

Das bedeutet nicht, dass Feinstaub „Autismus verursacht“.

Aber es zeigt erneut:

Der Fötus entwickelt sich nicht unabhängig von seiner Umwelt.

Was die Mutter einatmet, isst, trinkt und metabolisiert, kann zumindest teilweise auch die biologische Umgebung des ungeborenen Kindes beeinflussen.

Diabetes, Übergewicht und Entzündungen

Auch der Stoffwechsel der Mutter scheint eine Rolle zu spielen.

Eine Metaanalyse von 26 Publikationen mit mehreren Millionen Schwangerschaften fand bei mütterlichem Typ-2-Diabetes ein etwa 48 Prozent erhöhtes statistisches ASD-Risiko, bei Typ-1-Diabetes rund 73 Prozent und beim Gestationsdiabetes etwa 31 Prozent. (PubMed)

Auch mütterliche Infektionen, hohes Fieber, chronische Entzündungen, extreme Frühgeburtlichkeit und Sauerstoffmangel während komplizierter Geburten werden seit Jahren untersucht. (PubMed)

Das ergibt ein wesentlich komplexeres Bild als die Vorstellung einer einzigen Ursache.

Und was ist mit Vitamin D?

Gerade nachdem wir uns im vorherigen Artikel mit Vitamin D in der Schwangerschaft beschäftigt haben, finde ich diesen Punkt besonders spannend.

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Dosis-Wirkungs-Metaanalyse untersuchte 15 Studien zum mütterlichen Vitamin-D-Status während der Schwangerschaft und späteren ASD- beziehungsweise ADHS-Diagnosen und Symptomen der Kinder. Die Autoren sehen einen Zusammenhang zwischen der mütterlichen Vitamin-D-Versorgung und neurologischen Entwicklungsparametern. (PubMed)

Damit ist keineswegs bewiesen, dass Vitamin-D-Mangel Autismus verursacht.

Aber Vitamin D wirkt während der Schwangerschaft auf Genregulation, Immunfunktionen und Gehirnentwicklung. Deshalb halte ich es für sinnvoll, einen ausgeprägten Mangel nicht einfach hinzunehmen.

Dasselbe gilt für andere Nährstoffe. Folsäure beispielsweise wurde ebenfalls intensiv untersucht; manche Metaanalysen fanden bei Einnahme in der frühen Schwangerschaft ein geringeres ASD-Risiko, während andere neuere Reviews die Daten zurückhaltender bewerten. (PubMed)

Auch hier zeigt sich: Ernährung und Mikronährstoffe sind kein Randthema der Schwangerschaft sondern zentral wichtig für ein gesundes Kind. Ein umfangreiches Screening sollte Zink, Selen, Vitamin D, Eisen, Vitamin B12 (besonder bei vegane und vegetarische Ernährung) und Folsäure umfassen.

Die unangenehme Frage: Was ist mit Impfungen?

Natürlich kommt man bei dieser Diskussion irgendwann zu dem Thema, das sofort alle Lager auf die Barrikaden bringt.

Könnte die hohe Zahl an Impfungen im Kindesalter etwas mit dem Autismusanstieg zu tun haben?

Die Frage zu stellen ist legitim.

Gerade die USA hatten historisch einen deutlich umfangreicheren Impfplan als viele europäische Länder.

Eine offizielle HHS-Auswertung aus dem Januar 2026 stellte fest, dass der US-Impfplan im Jahr 2024 routinemäßig gegen 17 Krankheiten impfte und – abhängig von Impfstoff und Geburtsjahr – bis zum 18. Geburtstag 84 bis 88 einzelne Impfstoffkomponenten beziehungsweise Dosen umfasste. Weil viele Wirkstoffe in Kombinationsimpfstoffen stecken, entsprach das nicht 84 bis 88 Spritzen; das HHS berechnete je nach verwendeten Kombinationspräparaten etwa 57 bis 71 Injektionen, wobei Rotavirus oral verabreicht wird. (HHS.gov)

Bis ungefähr zum 12. Lebensjahr kam ein Kind nach dem früheren US-Routineplan – je nach verwendeten Präparaten – auf ungefähr 31 bis 33 reguläre Impfstoffgaben ohne die jährliche Influenza- und COVID-Impfung. Rechnet man die damals jährlich empfohlene Grippeimpfung ab dem Säuglingsalter hinzu, kommt man grob auf mehr als 40 Impfstoffgaben bis zum zwölften Lebensjahr; COVID-Impfungen konnten die Zahl zusätzlich erhöhen. Der amerikanische Impfplan wurde Anfang 2026 deutlich umstrukturiert und unterscheidet heute stärker zwischen allgemeinen Empfehlungen, Risikogruppen und gemeinsamer individueller Entscheidung. (CDC)

Dass man bei einer derart umfangreichen medizinischen Exposition nach Langzeit- und Kombinationseffekten fragt, halte ich absolut notwendig. Interessanterweise fordert die offizielle HHS-Analyse von 2026 selbst mehr Forschung zu kumulativen Effekten, Impfstoffreihenfolge, gleichzeitiger Gabe und Langzeitfolgen des gesamten Impfplans. (HHS.gov)

Das ist für mich wissenschaftliche Kritik: weder Fragen verbieten noch Ergebnisse ignorieren, wenn sie nicht zur eigenen Vermutung passen.

Vielleicht suchen wir zu oft nach dem einen Schuldigen

Das könnte überhaupt der größte Denkfehler sein.

Vielleicht gibt es nicht den Auslöser.

Stellen wir uns ein Kind mit einer genetischen Empfindlichkeit vor.

Dazu kommen möglicherweise höheres Alter der Eltern, ein Vitamin-D-Mangel oder Stoffwechselproblem während der Schwangerschaft, Luftverschmutzung, Pestizide, eine Infektion mit starkem Fieber, Medikamente, schlechte Ernährung, Frühgeburtlichkeit oder Geburtskomplikationen.

Keiner dieser Faktoren allein muss entscheidend sein.

Aber was passiert, wenn mehrere davon zusammentreffen?

Genau solche Gen-Umwelt-Interaktionen sind heute ein zentraler Forschungsbereich.

Eine umfassende wissenschaftliche Übersicht beschreibt mögliche Mechanismen wie oxidativen Stress, Entzündungen, hormonelle Störungen, mitochondriale Veränderungen und Beeinflussungen neuronaler Signalwege. (PubMed)

Das finde ich wesentlich plausibler als die Suche nach einer einzigen Substanz, einem einzigen Medikament oder einer einzigen Ursache.

Warum die Unterschiede zwischen Ländern trotzdem wichtig sind

Diagnostik, Gesundheitsversorgung, kulturelle Akzeptanz, Schulprogramme und statistische Erfassung unterscheiden sich dramatisch.

Aber gerade deshalb brauchen wir bessere internationale Studien.

Wenn zwei Länder ähnliche diagnostische Systeme besitzen, aber dennoch deutliche Unterschiede zeigen, können wir beginnen, nach anderen Faktoren zu suchen:

Ernährung, Pestizidbelastung, Luftqualität, Alter der Eltern, Kaiserschnittrate, Medikamenteneinnahme, Vitamin-D-Status, Stoffwechselerkrankungen, Frühgeburtlichkeit oder andere Umweltbedingungen.

Genau solche Vergleiche könnten uns weiterbringen.

Was mich an der Diskussion stört

Mir ist die Diskussion um Autismus oft zu politisch.

Auf der einen Seite wird jeder, der Umweltfaktoren oder medizinische Einflüsse hinterfragt, schnell in eine bestimmte Ecke gestellt.

Wir reden über die Entwicklung des kindlichen Gehirns.

Über Milliarden Zellteilungen.

Über Gene, Hormone, Immunsystem, Mitochondrien, Nährstoffe, Umweltchemikalien und die Entwicklung eines Organs, das wahrscheinlich komplizierter ist als alles, was wir sonst kennen.

Da wäre es geradezu erstaunlich, wenn es nur eine Ursache gäbe.

Die Zahlen sind zu deutlich, um einfach weiterzugehen

Ob der tatsächliche biologische Anteil des Anstiegs nun zehn, zwanzig oder fünfzig Prozent beträgt, wissen wir momentan nicht.

Wir wissen aber, dass die registrierte Autismusprävalenz in mehreren hochentwickelten Ländern stark gestiegen ist.

Und wir wissen gleichzeitig, dass sich die Forschung längst mit Pestiziden, Luftverschmutzung, Schwermetallen, mütterlichem Diabetes, Entzündungen, Medikamenten, Vitamin-D-Status, Frühgeburtlichkeit und zahlreichen weiteren Faktoren beschäftigt.

Für mich wäre deshalb die falsche Reaktion zu sagen:

„Es wird eben heute besser diagnostiziert – damit ist die Sache erklärt.“

Genauso falsch wäre:

„Wir kennen die Ursache bereits.“

Wir kennen sie nicht.

Aber wir haben genügend Hinweise, um genau hinzusehen.

Und besonders in Schwangerschaft und früher Kindheit sollten wir uns vielleicht häufiger fragen:

Wie viele vermeidbare Belastungen wollen wir einem sich entwickelnden Organismus eigentlich gleichzeitig zumuten?

Denn wenn die Zahlen weiter steigen, reicht es irgendwann nicht mehr, nur bessere Diagnostik- und Therapieangebote aufzubauen.

Dann müssen wir auch den Mut haben, nach den Ursachen zu suchen – offen, wissenschaftlich und ohne Denkverbote.

Mein Fazit – Schwangerschaft ist keine Krankheit

Liebe Frauen, achtet in der Schwangerschaft gut auf euch. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung für euch selbst und für das kleine Leben, das in euch wächst.

Verlasst euch dabei nicht ausschließlich darauf, dass bei den üblichen Vorsorgeuntersuchungen automatisch alles bestimmt wird, was für eure individuelle Situation sinnvoll sein könnte. Fragt nach. Lasst euch eure Werte zeigen. Und wenn ihr das Gefühl habt, dass etwas fehlt, könnt ihr zusätzliche Laborwerte bestimmen lassen – gerade solche, über die wir hier gesprochen haben, etwa Vitamin D, Eisenstatus, Vitamin B12, Folsüure, Zim, Selen oder andere für die Schwangerschaft wichtige Nährstoffe.

Ein Wert, der irgendwo innerhalb eines allgemeinen Labor-Referenzbereichs liegt, bedeutet nicht automatisch, dass er für jede Schwangere optimal ist. Referenzbereiche beschreiben zunächst, was in einer Vergleichsgruppe häufig vorkommt; Schwangerschaft verändert den Stoffwechsel und damit teilweise auch die sinnvolle Interpretation von Laborwerten. Deshalb würde ich mich nicht damit zufriedengeben, nur zu hören: „Ist noch in der Norm.“ Ich würde fragen: Ist dieser Wert für meine Schwangerschaft wirklich gut?

Sucht euch deshalb, wenn es zu euch passt, zusätzlich eine gute naturheilkundliche oder ganzheitlich arbeitende Begleitung – jemanden, der sich Zeit nimmt, Ernährung, Laborwerte, Lebensweise, Schlaf, Bewegung und seelisches Wohlbefinden zusammen anzuschauen.

Und vielleicht denkt ihr auch einmal darüber nach, wie und wo ihr euer Kind zur Welt bringen möchtet. Für gesunde Frauen mit einer komplikationsarmen Schwangerschaft kann auch eine gut betreute Hausgeburt mit einer qualifizierten Hebamme eine Möglichkeit sein.

Schwangerschaft ist keine Krankheit

Ein Thema, über das meiner Meinung nach noch viel zu wenig gesprochen wird, ist der psychische Druck während Schwangerschaft und Geburt.

Angst kann auch durch Medizin entstehen.

Durch Sätze, die eine Frau verunsichern. Durch ständig neue Risikoszenarien. Durch das Gefühl, dem eigenen Körper nicht mehr vertrauen zu dürfen. Durch Untersuchungen und Entscheidungen, die nicht ausreichend erklärt werden. Und manchmal auch dadurch, dass die Frau während der Geburt nicht als selbstbestimmter Mensch wahrgenommen wird, sondern nur noch als „Patientin“.

In Frankreich wird dieses Thema inzwischen sogar institutionell unter dem Begriff „violences obstétricales et gynécologiques“ – gynäkologische und geburtshilfliche Gewalt – diskutiert. Die französische Nationalversammlung beschreibt dabei ausdrücklich auch Infantilisierung, nicht ausreichend erklärte oder nicht eingewilligte Eingriffe, Druck auf Frauen und eine übermäßige Medikalisierung der Geburt. Als mögliche Folgen werden unter anderem psychische Belastungen und posttraumatische Stressreaktionen genannt.

Das finde ich bemerkenswert.

Denn eine Schwangere besteht nicht nur aus Blutdruck, Ultraschallbildern und Laborwerten.

Sie besteht auch aus Gefühlen, Vertrauen, Angst, Freude, Intuition und der Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind.

Gebt eure Schwangerschaft nicht aus der Hand

Ernährt euch bewusst. Wenn möglich frisch und biologisch. Viel Gemüse, Früchte, gute Eiweißquellen, hochwertige Fette, Kräuter und – wo passend – Kräutertees. Geht hinaus. Bewegt euch. Lasst Sonne und Natur an euch heran. Achtet auf euren Schlaf und auf Menschen, die euch guttun.

Und vor allem:

Lasst euch nicht von allen Seiten Angst machen.

Natürlich braucht eine Schwangerschaft gute medizinische Betreuung. Natürlich können Komplikationen auftreten und dann ist moderne Medizin unglaublich wertvoll.

Aber eine Schwangerschaft ist zunächst einmal keine Krankheit.

Sie ist ein biologischer Vorgang, den Frauen seit Hunderttausenden von Jahren in sich tragen.

Ein Körper beginnt aus einer einzigen befruchteten Zelle einen vollständigen Menschen aufzubauen. Herz, Gehirn, Lunge, Knochen, Haut, Nervensystem – alles entsteht, ohne dass wir diesem Körper erklären müssen, wie er das tun soll.

Das ist für mich kein Defekt, der permanent kontrolliert werden muss.

Es ist eines der erstaunlichsten Programme des Lebens.

Darum mein Rat an jede werdende Mutter:

Informiert euch. Fragt nach. Lasst euch eure Entscheidungen nicht aus der Hand nehmen. Sucht Menschen, denen ihr vertraut. Achtet auf euren Körper, eure Werte und genauso auf eure Seele.

Denn Ärzte, Hebammen und Therapeuten können begleiten.

Aber die Schwangerschaft gehört euch.

Und Frauen wissen sehr viel mehr über das Austragen und Gebären eines Kindes, als wir ihnen manchmal noch zutrauen.