
Ohne Moos nix los – Moose, Überlebenskünstler der Urzeit
Wusstet ihr das über Moose?
Moose sind viel erstaunlicher, als sie auf den ersten Blick wirken. Einige Arten überstehen Bedingungen, bei denen die meisten anderen Pflanzen längst aufgeben würden. Das Wüstenmoos Syntrichia caninervis etwa kann extreme Austrocknung, starke UV-Strahlung und sogar marsähnliche Umweltbedingungen überstehen. Das Laubmoos Physcomitrium patens ist wiederum ein wichtiger Modellorganismus der Forschung und wird sogar in Experimenten zu Weltraumbedingungen untersucht.
Auch ökologisch leisten Moose Erstaunliches. Arten wie Pleurozium schreberi oder Hylocomium splendens leben in borealen Wäldern eng mit stickstoffbindenden Cyanobakterien zusammen und können so wesentlich zur Stickstoffversorgung ganzer Waldökosysteme beitragen.
Moospolster sind außerdem kleine eigene Welten. Zwischen den Blättchen leben Milben, Springschwänze, Fadenwürmer, Pilze, Bakterien und oft auch Bärtierchen. Ein paar Quadratzentimeter Moos können damit ein komplettes Mini-Ökosystem beherbergen.
Besonders eindrucksvoll sind die Torfmoose der Gattung Sphagnum. Sie speichern enorme Mengen Wasser, säuern ihre Umgebung an und verlangsamen dadurch die Zersetzung organischer Substanz. So entstehen über lange Zeiträume mächtige Torfschichten, die zu den wichtigsten Kohlenstoffspeichern unserer Erde gehören.
Und noch etwas: Moose eignen sich hervorragend als Bioindikatoren. Arten wie Hypnum cupressiforme werden genutzt, um Schwermetalle und Luftschadstoffe in der Umwelt nachzuweisen, weil Moose Stoffe direkt über ihre Oberfläche aufnehmen.
Je länger man sich mit ihnen beschäftigt, desto deutlicher wird: Diese kleinen unscheinbaren Pflanzen sind echte Überlebenskünstler und ökologische Schwergewichte.
Moose – die oft übersehene Pflanzenwelt
Moose (Bryophyten) gehören zu den echten Landpflanzen – und trotzdem wissen die meisten Menschen erstaunlich wenig über sie.
Dabei begleiten uns Moose seit Millionen von Jahren und wurden vom Menschen immer wieder praktisch genutzt. Einige Moosarten werden wegen ihrer hohen Saugfähigkeit sogar in Biowindeln verarbeitet. Eine besondere wirtschaftliche Bedeutung haben außerdem rund 250 Arten der Sphagnum-Moose, die über Jahrtausende die mächtigen Torflager unserer Moore aufgebaut haben.
Auch früher wusste man ihre Eigenschaften zu nutzen: Moose wurden beispielsweise im Schiffsbau oder zur Dämmung von Holzhütten verwendet, um Zwischenräume abzudichten.
Drei große Gruppen – und eine uralte Geschichte
Moose werden in drei große Gruppen unterteilt:
- Hornmoose
- Lebermoose
- Laubmoose
Je nach Einteilung geht man von etwa 16.000 bis 25.000 Moosarten aus.
Und das wirklich Faszinierende ist ihr Alter.
Moose haben sich seit etwa 350 Millionen Jahren erstaunlich wenig verändert. Fossile Moose ähneln heutigen Arten teilweise so stark, dass man davon ausgeht, dass sie über sehr lange Zeit nur einem geringen Selektionsdruck ausgesetzt waren.
Seit langem ist außerdem bekannt, dass Moose nur wenige natürliche Fressfeinde haben. Der Grund dafür liegt unter anderem in ihren biologisch aktiven Inhaltsstoffen, mit denen sie sich gegen Insekten, Schnecken und andere Tiere schützen.
Auch Pilze und Bakterien haben es mit Moosen offenbar nicht leicht. Sogar Viren konnten bisher in keinem einzigen Moos nachgewiesen werden.
Überlebenskünstler aus der Urzeit
Ihre Entwicklung reicht weit zurück in die Erdgeschichte.
Im Vergleich dazu ist der Mensch ein absoluter Neuling.
Während unsere frühen menschlichen Vorfahren erst vor wenigen Millionen Jahren auftraten und der moderne Mensch in seiner heutigen Form etwa 300.000 Jahre existiert, gehören Moose zu den wahren Überlebenskünstlern der Urzeit.
Bevor es Gefäßpflanzen wie Bärlappe, Farne und Samenpflanzen gab, entstanden Moose als einige der ersten Landpflanzen vor ungefähr 400 bis 450 Millionen Jahren.
Damit schufen sie eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung des Lebens an Land.
Zusammen mit Pilzen und Flechten gehören Moose für mich zu den eigentlichen Urgestalten unserer Erde.
Pilze sind eine der ältesten Lebensformen außerhalb des Wassers, gehören allerdings nicht zur Pflanzenwelt. Flechten wiederum sind Lebensgemeinschaften aus Pilzen und einer oder mehreren Algen beziehungsweise Cyanobakterien.
Moose, Flechten und Radioaktivität
Moose und Flechten entstanden sehr früh in der Geschichte des Lebens. Es gibt sogar paläontologische Hinweise auf sehr alte Symbiosen aus Pilzen und Algen aus Südchina, die rund 600 Millionen Jahre alt sein könnten.
Diese Organismen lebten zu einer Zeit, in der unsere Erdatmosphäre noch völlig anders zusammengesetzt war als heute.
Vielleicht erklärt das auch, warum sie mit extremen Umweltbedingungen so gut zurechtkommen.
Moose besitzen die Fähigkeit, Schwermetalle und radioaktive Elemente zu binden. Ähnlich wie Pilze können sie bestimmte Stoffe aus ihrer Umgebung aufnehmen und anreichern.
Auch Flechten speichern radioaktive Substanzen.
Genau deshalb wurden und werden sie zur Überwachung radioaktiver Belastungen eingesetzt – etwa nach atmosphärischen Kernwaffentests oder nach Reaktorunfällen wie Tschernobyl.
So gelangten nach Tschernobyl große Mengen radioaktiver Isotope bis nach Finnland und wurden dort unter anderem von Rentierflechten der Gattung Cladonia aufgenommen.
Können Moose Strahlung und Schwermetalle binden?
Moose besitzen eine erstaunliche Fähigkeit zum Altwerden.
Auch wenn ihre DNA durch Strahlung geschädigt wird, können sie sich offenbar weiterentwickeln, ohne dass ihr Wachstum zwangsläufig stark beeinträchtigt wird.
Und da stellt sich mir natürlich sofort eine Frage:
Könnten Moose möglicherweise auch in der Phytotherapie zur Bindung oder Ausleitung von Radioaktivität und Schwermetallen genutzt werden?
Das ist zumindest ein Gedanke, der sich aus ihren natürlichen Eigenschaften ergibt.
Regeneration auf erstaunlichem Niveau
Moose besitzen außerdem eine enorme Regenerationsfähigkeit.
Bricht beispielsweise ein Stück ab, kann daraus unter günstigen Bedingungen neues Moos entstehen.
Dafür spielen sogenannte Scheitelzellen eine wichtige Rolle. Solche Zellstrukturen finden sich unter anderem auch bei Farnen und Algen.
Aus einem kleinen abgerissenen Moosstück können neue Wachstumszentren entstehen – und daraus wiederum neue Pflanzen.
Moose brauchen keine echten Wurzeln
Moose besitzen keine Wurzeln, wie wir sie von höheren Pflanzen kennen.
Sie nehmen Feuchtigkeit und Nährstoffe über ihre Oberfläche, kleine Härchen und Membranen auf. Mit sogenannten Rhizoiden können sie sich auf Stein oder anderen Untergründen festhalten.
Gerade das war in der Frühzeit der Landpflanzen enorm wichtig.
Vulkanisches Gestein war vielerorts die erste Grundlage für neues Leben – und Moose waren hervorragend darin, solche Oberflächen zu besiedeln und langfristig an der Bildung von Humus mitzuwirken.
Fehlt ihnen Feuchtigkeit, stellen sie ihren Stoffwechsel nahezu ein.
Sobald wieder genügend Wasser vorhanden ist, werden sie erneut aktiv.
Durch ihr Wachstum und ihre spätere Zersetzung tragen Moose und Flechten zur Bodenbildung bei und schufen damit letztlich die Voraussetzung für viele spätere Pflanzenformen.
Die ersten Wälder unserer Erde
Auf solchen frühen Böden konnten schließlich auch die ersten größeren Pflanzen und Bäume entstehen.
Zu den frühen Baumformen gehörte beispielsweise Eospermatopteris aus dem Devon vor etwa 392 bis 385 Millionen Jahren.
Diese Pflanzen bildeten einige der ersten terrestrischen Wälder unseres Planeten.
Heute sind sie ausgestorben und nur noch aus Fossilien bekannt.
1.500 Jahre alt – und immer noch lebendig
Besonders eindrucksvoll sind Moose aus arktischen Regionen.
Dort wachsen manche Arten nur ungefähr 0,5 Zentimeter pro Jahr.
Einige der ältesten Funde aus solchen Gebieten sind etwa 1.500 Jahre alt.
Und das Erstaunliche daran:
Sie leben noch immer.
Medizinische Anwendung – fast vergessen
Bei der medizinischen Nutzung der Moose wird unser Wissen plötzlich sehr dünn.
Vieles davon ist nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar weitgehend in Vergessenheit geraten.
Während des Krieges wurden Moose durchaus noch als Wundauflagen verwendet.
Auch bei Fuß- und Hautpilzerkrankungen wurden sie äußerlich eingesetzt.
Das erscheint zunächst durchaus nachvollziehbar, denn Moose müssen sich in der Natur selbst gegen Pilze, Bakterien und andere Mikroorganismen behaupten.
Lebermoos – eine alte Heilpflanze
Eine Moosart, die schon im Mittelalter Verwendung fand, ist das Lebermoos.
Aufgrund seiner Form galt es damals im Rahmen der Signaturenlehre als Mittel gegen Leberbeschwerden.
Heute kennt man Lebermoosextrakte vor allem aus einem ganz anderen Bereich:
Sie können zum Schutz vor Pflanzenkrankheiten wie Mehltau, Grauschimmelfäule, Rosenrost und anderen Rostkrankheiten eingesetzt werden.
Auch Schnecken sollen mit Lebermoos behandelte Pflanzen meiden.
Und natürlich stellt sich mir sofort die nächste Frage:
Wenn Lebermoos Pilze und Bakterien an Pflanzen hemmen kann – könnten bestimmte Moosarten möglicherweise auch beim Menschen gegen Pilzerkrankungen interessant sein?
Da denke ich beispielsweise an Candida im Darm oder im Scheidenbereich.
Pflanzenheilkunde ist Beobachtungsheilkunde
Jeder hat wahrscheinlich schon einmal beobachtet, dass frischer Curcuma monatelang in der Küche liegen kann, ohne schnell zu vergammeln.
Irgendwann trocknet er aus – aber er fault oft erstaunlich langsam.
Das zeigt bereits etwas über seine natürlichen Abwehrmechanismen gegen Bakterien und Pilze.
Ähnliches kennt man vom Meerrettich.
Genau deshalb lassen sich solche Pflanzen in der Phytotherapie auch mit entsprechenden Indikationen einsetzen.
Und hier zeigt sich sehr schön, was Pflanzenheilkunde immer gewesen ist:
Beobachtungsheilkunde.
Bevor es moderne Labore und Analyseverfahren gab, mussten die Menschen die Natur sehr genau beobachten.
Sie sahen, welche Pflanzen nicht faulten.
Welche von Insekten gemieden wurden.
Welche Tiere bestimmte Pflanzen fraßen.
Und daraus entstanden über Generationen Erfahrungswerte.
Lebermoosextrakt selbst herstellen
Es gibt zwei einfache Varianten zur Herstellung eines Lebermoosextrakts.
Variante 1: Frischer Wasserauszug
Frisches Lebermoos über Nacht in einem 10-Liter-Eimer mit Wasser einweichen.
Am nächsten Morgen kann der Auszug zum Besprühen oder Gießen von Pflanzen verwendet werden.
Variante 2: Alkoholischer Extrakt
Lebermoos zunächst trocknen.
Dann:
- 10 g getrocknetes Lebermoos
- 100 ml Alkohol mit etwa 50–70 %
zusammen in ein verschließbares Glas geben.
Die Mischung etwa zwei Wochen dunkel stehen lassen.
Anschließend durch einen geeigneten Filter – beispielsweise eine Bio-Leinenwindel – abfiltern.
Diesen Extrakt kann man anschließend mit etwa 100 ml Wasser verdünnen und auf entsprechende Pflanzenstellen oder äußerlich auf die Haut sprühen.
Über eine innerliche Anwendung beim Menschen gibt es heute kaum noch überliefertes Erfahrungswissen.
Wissenschaftliche Forschung an Moosen
Wen sollte es wundern:
Auch Pharmakologen und Pharmaunternehmen interessieren sich mittlerweile zunehmend für Moose und ihre Inhaltsstoffe.
Die bioziden, fungiziden, akariziden, molluskiziden und bakteriziden Wirkungen verschiedener Moose wurden inzwischen wissenschaftlich untersucht.
Dahinter steckt eine große Vielfalt chemischer Verbindungen.
Mehrere hundert Moleküle konnten bereits aus Moosen isoliert und in ihrer Struktur aufgeklärt werden.
Besonders interessant sind einige dieser Verbindungen auch im Zusammenhang mit der Krebsforschung.
THC-ähnliche Stoffe im Lebermoos
Besonders spannend wird es beim Lebermoos Radula perrottetii.
Forscher aus der Schweiz untersuchten darin einen THC-ähnlichen Wirkstoff.
Die sogenannten Perrottetine gehören zur Gruppe cannabinoidähnlicher Substanzen.
Sie können den Cannabinoid-Rezeptor 1 beeinflussen und zeigen dadurch eine milde psychoaktive Wirkung sowie THC-ähnliche schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften.
Auch die Suche nach neuen antibakteriellen Wirkstoffen und möglichen zukünftigen Antibiotika hat Moose längst erreicht.
Ohne Moos ist wirklich nichts los
Moose wirken unscheinbar.
Sie wachsen auf Steinen, Mauern, Baumstämmen und Waldböden – oft so selbstverständlich, dass wir kaum noch hinschauen.
Dabei gehören sie zu den ältesten und widerstandsfähigsten Pflanzen unseres Planeten.
Sie überleben Trockenheit.
Sie speichern Schwermetalle und radioaktive Stoffe.
Sie schützen sich gegen Pilze, Bakterien und Fressfeinde.
Sie können sich aus kleinsten Bruchstücken regenerieren.
Und sie enthalten eine Vielzahl biologisch aktiver Stoffe, von denen wir wahrscheinlich erst einen Bruchteil wirklich verstanden haben.
Für mich zeigt sich daran einmal mehr:
Je genauer wir hinschauen, desto größer wird die Apotheke der Natur.
In den Moosen steckt noch enorm viel Potenzial, das es zu erforschen gilt.
Denn wie sagt man so schön:
Ohne Moos ist nix los.
