Schwarz-Weiß-Ultraschallaufnahme eines ungeborenen Kindes im Mutterleib – passend zum Thema Vitamin-D-Versorgung in Schwangerschaft und Stillzeit.
Gesundheit

Vitamin D in Schwangerschaft und Stillzeit – zu viele mit schlechten Werten

24. Aug. 20264 Min. Lesezeit
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Warum eine gute Versorgung für Mutter und Kind so wichtig ist

Schwangerschaft und Stillzeit sind besondere Zeiten. Der Körper der Mutter leistet in diesen Monaten Erstaunliches: Er versorgt nicht nur sich selbst, sondern gleichzeitig ein heranwachsendes Kind. Der Bedarf an Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen verändert sich – und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Ein Stoff steht dabei seit Jahren besonders im Mittelpunkt: Vitamin D. Streng genommen ist Vitamin D kein klassisches Vitamin, sondern ein Prohormon. Die wichtigste Form ist Cholecalciferol, also Vitamin D3.

Für mich ist Vitamin D gerade in Schwangerschaft und Stillzeit eines der Themen, bei denen man sich fragt, warum so lange mit sehr niedrigen Empfehlungen gearbeitet wurde.

Heute empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bei fehlender körpereigener Bildung 20 µg Vitamin D pro Tag, das entspricht 800 IE, auch für Schwangere und Stillende. Für Säuglinge werden in Deutschland in der Regel 10–12,5 µg beziehungsweise 400–500 IE täglichempfohlen.

Viele Schwangere sind schlechter versorgt, als man denkt

Besonders eindrucksvoll finde ich eine Untersuchung des Instituts für Ernährungswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Dort wurden Vitamin-D-Werte schwangerer Frauen und Werte im Nabelschnurblut untersucht. Im Winter lagen 98 Prozent der mütterlichen Blutproben und 94 Prozent der Nabelschnurproben unter 20 ng/ml 25(OH)D. Die Autoren fanden außerdem, dass Jahreszeit, Herkunft und Lebensstil die Versorgung deutlich beeinflussten. (PubMed)

Das zeigt etwas, das viele unterschätzen:

Sommer bedeutet nicht automatisch eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung.

Und eine Schwangerschaft schützt natürlich ebenfalls nicht vor einem Mangel.

Dunkle Haut – in Nordeuropa ein zusätzlicher Risikofaktor

Menschen mit stärkerer Hautpigmentierung benötigen bei gleicher Sonneneinstrahlung länger, um vergleichbare Mengen Vitamin D in der Haut zu bilden.

Gerade in Mitteleuropa kann das problematisch werden.

Auch in der Gießener Untersuchung zeigte sich, dass Frauen nicht-europäischer Herkunft besonders häufig niedrige Vitamin-D-Werte aufwiesen. (PubMed)

Für mich ist das biologisch nachvollziehbar:

Das ungeborene Kind kann nur mit dem arbeiten, was ihm die Mutter zur Verfügung stellt.

Was kann ein Vitamin-D-Mangel für die Mutter bedeuten?

Seit vielen Jahren wird untersucht, ob ein niedriger Vitamin-D-Status während der Schwangerschaft mit bestimmten Komplikationen zusammenhängt.

Diskutiert werden insbesondere:

  • Präeklampsie und schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck
  • Gestationsdiabetes
  • Frühgeburt
  • niedriges Geburtsgewicht
  • ein für das Schwangerschaftsalter zu kleines Kind

Die Studienlage war lange nicht in allen Punkten eindeutig. Inzwischen gibt es jedoch deutlich mehr randomisierte Studien und Metaanalysen.

Eine aktuelle Metaanalyse von 33 randomisierten Studien mit mehr als 10.000 Teilnehmerinnen kam zu dem Ergebnis, dass Vitamin-D-Supplementierung mit einem geringeren Risiko für Präeklampsie und Frühgeburt verbunden war. (PubMed)

Eine noch größere Umbrella-Metaanalyse mit Daten aus 35 Studien und über 188.000 Teilnehmerinnen fand ebenfalls niedrigere Risiken für Gestationsdiabetes, Präeklampsie, Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht und „small for gestational age“. (PubMed)

Für mich zeigt das vor allem eines:

Vitamin D ist kein Nebenthema der Schwangerschaft.

Präeklampsie – besonders interessant bei niedrigen Ausgangswerten

Auch speziell zur Präeklampsie gibt es inzwischen interessante Daten.

Eine neuere Metaanalyse randomisierter Studien fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Supplementierung und einem geringeren Präeklampsierisiko. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Frauen mit Ausgangswerten unter 20 ng/ml. (PubMed)

Gerade hier wird deutlich, warum ich pauschale Dosierungen allein nicht besonders überzeugend finde.

Der Ausgangswert spielt eine Rolle.

Eine Frau mit 12 ng/ml ist in einer völlig anderen Situation als eine Frau mit 38 ng/ml.

Geburtsgewicht – tatsächlich messbare Unterschiede

Auch beim Geburtsgewicht gibt es interessante Daten.

Frühere australische Untersuchungen zeigten bereits, dass Babys vitamin-D-defizienter Mütter im Durchschnitt leichter geboren wurden als Kinder gut versorgter Frauen.

Neuere große Auswertungen bestätigen grundsätzlich, dass eine bessere Vitamin-D-Versorgung mit einem etwas höheren Geburtsgewicht und einem geringeren Risiko für niedriges Geburtsgewicht verbunden sein kann. Die große Umbrella-Metaanalyse von 2026 fand ebenfalls einen positiven Effekt auf Geburtsgewicht, Geburtslänge und Kopfumfang. (PubMed)

Das heißt natürlich nicht:

Je mehr Vitamin D, desto schwerer oder gesünder das Baby.

Aber es zeigt:

Ein Mangel während einer so entscheidenden Entwicklungsphase ist eben nicht belanglos.

Lungenentwicklung, Asthma und Atemwege

Besonders spannend ist die Frage, welche Rolle Vitamin D bei der Entwicklung der kindlichen Lunge und des Immunsystems spielt.

In der großen VDAART-Studie erhielten Schwangere entweder insgesamt 4.400 IE Vitamin D täglich oder lediglich 400 IE aus ihrem Schwangerschaftsvitamin.

Mit drei Jahren hatten 24,3 Prozent der Kinder in der höher dosierten Gruppe Asthma oder wiederkehrendes Giemen gegenüber 30,4 Prozent in der Kontrollgruppe. Der Unterschied lag knapp an der Grenze zur statistischen Signifikanz, zeigte aber eine klare Tendenz. (PubMed)

Besonders interessant: Rund75 Prozent der Frauen aus der höher dosierten Gruppe erreichten im dritten Schwangerschaftsdrittel Werte von mindestens 30 ng/ml, gegenüber nur 34 Prozent in der Kontrollgruppe. (PubMed)

Als anschließend die Daten aus zwei großen randomisierten Studien gemeinsam ausgewertet wurden, zeigte sich ein signifikanter Rückgang von Asthma beziehungsweise wiederkehrendem Giemen bei den Kindern. (PubMed)

Hier wird für mich etwas Grundsätzliches deutlich:

Die Versorgung eines Kindes beginnt nicht erst nach der Geburt.

Viele Weichen werden bereits im Mutterleib gestellt.

Schwangerschaftsdiabetes und Insulinstoffwechsel

Auch der Zusammenhang zwischen Vitamin D und dem Zuckerstoffwechsel wird seit Jahren untersucht.

Vitamin-D-Rezeptoren befinden sich in zahlreichen Geweben. Vitamin D steht unter anderem mit der Insulinsekretion und der Insulinsensitivität in Verbindung.

Beobachtungsstudien zeigen immer wieder Zusammenhänge zwischen niedrigen Vitamin-D-Werten und Gestationsdiabetes.

Die große aktuelle Umbrella-Metaanalyse fand bei Frauen mit Vitamin-D-Supplementierung ein im Durchschnitt niedrigeres Risiko für Gestationsdiabetes. (PubMed)

Das bedeutet nicht, dass Vitamin D allein über die Entstehung eines Schwangerschaftsdiabetes entscheidet.

Ernährung, Körpergewicht, Bewegung, Genetik und viele andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.

Aber Vitamin D scheint ein Teil dieses komplexen Stoffwechselgeschehens zu sein.

Die Stillzeit – Vitamin D muss erst einmal in die Milch gelangen

Auch nach der Geburt bleibt das Thema wichtig.

Muttermilch enthält Vitamin D – aber die Menge hängt stark vom Vitamin-D-Status der Mutter ab.

Ist die Mutter nur gering versorgt, gelangt entsprechend wenig Vitamin D in die Muttermilch.

Eine viel zitierte randomisierte Studie untersuchte genau diese Frage. Stillende Frauen erhielten entweder 400 IE täglich und ihre Babys zusätzlich 400 IE Vitamin D oder die Mütter erhielten selbst 6.400 IE täglich, während ihre gestillten Babys keine zusätzliche Vitamin-D-Gabe bekamen.

Das Ergebnis war bemerkenswert:

Die mütterliche Einnahme von 6.400 IE täglich konnte die Säuglinge über die Muttermilch so mit Vitamin D versorgen, dass ihre Werte denen der direkt supplementierten Babys entsprachen. (PubMed)

Eine spätere Sicherheitsauswertung derselben Untersuchung fand bei dieser Dosierung keine Unterschiede in den untersuchten Sicherheitsparametern gegenüber den niedrigeren Dosierungen. (PubMed)

Das finde ich biologisch ausgesprochen interessant.

Denn über Jahrtausende gab es natürlich keine Vitamin-D-Tropfen.

Die Versorgung musste ursprünglich über Sonne, mütterliche Speicher und Muttermilch funktionieren.

Heute leben wir allerdings vollkommen anders:

Wir verbringen einen großen Teil des Tages in Gebäuden, schützen unsere Haut stärker vor Sonne, leben in nördlichen Breitengraden und bewegen uns teilweise wesentlich weniger im Freien.

Vitamin D beim Neugeborenen – weit mehr als nur Knochen

Vitamin D wird häufig nur mit Rachitis und Knochenbildung verbunden.

Aber Vitamin-D-Rezeptoren finden sich in zahlreichen Geweben des Körpers.

Deshalb wird Vitamin D heute unter anderem im Zusammenhang mit folgenden Bereichen untersucht:

  • Knochenbildung und Muskulatur
  • Zahnentwicklung
  • Immunsystem
  • Typ-1-Diabetes
  • Autoimmunerkrankungen
  • Multiple Sklerose
  • Atemwegserkrankungen und Asthma
  • Herz-Kreislauf-System
  • Blutdruck
  • neurologische Entwicklung
  • Depression und Schizophrenie
  • ADHS und Autismus

Dabei muss man unterscheiden:

Bei einigen dieser Zusammenhänge gibt es inzwischen recht solide Daten. Bei anderen bestehen bislang vor allem statistische Zusammenhänge und Hinweise aus Beobachtungsstudien.

Gerade bei Autismus, ADHS, Schizophrenie oder Multipler Sklerose wäre es deshalb zu weitgehend, einen Vitamin-D-Mangel in der Schwangerschaft als direkte Ursache darzustellen.

Aber dass Vitamin D während der fetalen Entwicklung auf Nervensystem, Immunsystem und zahlreiche Stoffwechselprozesse einwirkt, macht diese Forschungsrichtung für mich ausgesprochen interessant.

Wer besonders auf seinen Vitamin-D-Status achten sollte

Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko einer niedrigen Versorgung:

  • dunklere Hautpigmentierung
  • wenig Aufenthalt im Freien
  • vollständig bedeckende Kleidung
  • Wintermonate und nördliche Breitengrade
  • vegane oder stark eingeschränkte Ernährung
  • wenig vitamin-D-reiche Lebensmittel
  • Übergewicht
  • körperliche Inaktivität
  • fehlende Vitamin-D-Prophylaxe beim Säugling

Gerade die Gießener Untersuchung zeigt sehr deutlich, wie verbreitet niedrige Werte sein können – und dass sie nicht nur ein Winterproblem sind. (PubMed)

Wie weiß ich überhaupt, ob genug Vitamin D vorhanden ist?

Der Vitamin-D-Status lässt sich relativ einfach über den Blutwert 25-Hydroxy-Vitamin D – 25(OH)D bestimmen.

Und genau hier sehe ich einen großen Vorteil gegenüber dem Herumraten mit pauschalen Dosierungen:

Man kann messen.

Wie hoch ist der Ausgangswert?

Wie verändert er sich?

Wie reagiert der Körper?

Gerade in Schwangerschaft und Stillzeit finde ich es wesentlich sinnvoller, die tatsächliche Versorgung zu kennen, statt automatisch davon auszugehen, dass eine Standarddosis für jeden Menschen gleich gut passt.

Studien wie VDAART zeigen zudem, dass die erreichten Blutwerte tatsächlich stark davon abhängen, wie hoch die Ausgangsversorgung ist und wie viel Vitamin D aufgenommen wird. In der höher supplementierten Gruppe erreichten deutlich mehr Frauen Werte von mindestens 30 ng/ml. (PubMed)

Mein persönlicher Gedanke dazu

Eine Schwangerschaft gehört zu den empfindlichsten Entwicklungsphasen überhaupt.

Innerhalb weniger Monate entstehen aus wenigen Zellen Gehirn, Nervensystem, Lunge, Herz, Knochen, Immunsystem – ein kompletter neuer Mensch.

Und dafür braucht der Körper Baustoffe.

Deshalb finde ich es erstaunlich, wie häufig Ernährung und Mikronährstoffversorgung in dieser Zeit noch immer eher nebenbei behandelt werden.

Vitamin D ist sicher nicht der einzige Faktor.

Folsäure, Jod, Eisen, DHA, Vitamin B12, Magnesium, Eiweiß und viele andere Nährstoffe spielen ebenfalls eine Rolle.

Aber gerade Vitamin D zeigt eindrucksvoll, dass Versorgung in Schwangerschaft und Stillzeit eben nicht nur bedeutet:

„Hauptsache genug Kalorien.“

Es geht darum, dem entstehenden Leben die bestmöglichen Voraussetzungen mitzugeben.

Und vielleicht sollten wir deshalb viel häufiger nicht erst fragen:

„Ist schon ein Mangel entstanden?“

Sondern:

„Sind Mutter und Kind wirklich gut versorgt?“