
Was haben Ameisen mit Heilpflanzen zu tun? – Die erstaunliche Welt der Iridoide
Was haben jetzt bitte schön Ameisen mit Heilpflanzen zu tun? Der Pflanzenkundige hat da so eine Ahnung.
Der Name der Stoffgruppe der Iridoide leitet sich von der australischen Ameisengattung Iridomyrmex ab.
Aus dem Wehrsekret australischer Ameisen der Gattung Iridomyrmex wurden Iridoid-Verbindungen erstmals beschrieben. Und wie so oft in der Naturstoffkunde bekam auch diese Stoffgruppe ihren Namen nach ihrem ersten bekannten Fundort.
In diesem Fall war also tatsächlich die Ameise zuerst da – zumindest aus Sicht der Forschung. Erst später erkannte man, dass Iridoide vor allem in Pflanzen weit verbreitet sind. Heute kennt man sie in zahlreichen Pflanzenfamilien, und es sind bereits weit über 2.500 verschiedene Iridoid-Verbindungen beschrieben worden.
Iridoide gehören zu den sogenannten sekundären Pflanzenstoffen. Die Pflanze braucht sie nicht unmittelbar zum Wachsen oder zur Photosynthese. Sie produziert sie vielmehr für ganz andere Aufgaben – zum Beispiel als bittere Abwehrstoffe gegen Fressfeinde, Insekten oder andere Organismen.
Und genau diese sekundären Pflanzenstoffe sind für die Pflanzenheilkunde besonders interessant. Viele von ihnen besitzen ein erstaunlich breites biologisches Wirkungsspektrum.
Dabei stellt sich noch eine ganz andere Frage: Was passiert mit solchen Schutzstoffen, wenn wir Pflanzen über Generationen unter Bedingungen anbauen, in denen sie sich kaum noch selbst verteidigen müssen?
Durch intensive Landwirtschaft, den Einsatz von Pestiziden, gezielte Züchtung oder gentechnische Veränderungen kann sich das natürliche Stoffprofil einer Pflanze verändern. Denn warum sollte eine Pflanze dauerhaft große Mengen energieaufwendiger Abwehrstoffe produzieren, wenn der Mensch ihre natürlichen Feinde bereits fernhält?
Gerade darin liegt ein spannender Gedanke: Je stärker wir Pflanzen vor ihrer Umwelt schützen, desto mehr könnten wir ihnen langfristig genau jene Stoffe abgewöhnen, die sie für die Naturheilkunde so wertvoll machen.
Iridoide sind eine ganz besondere Stoffgruppe mit einem sehr breiten Wirkspektrum. Charakteristisch ist in vielen Fällen ihr bitterer Geschmack, wie man ihn zum Beispiel aus Olivenblättern (Olea europaea), Fieberklee (Menyanthes trifoliata), Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) und Enzian (Gentiana lutea) kennt.
Aber nicht immer treten Iridoide geschmacklich als klassische Bitterstoffe hervor. So finden sie sich zum Beispiel auch in Wegerich (Plantago lanceolata, Plantago major), Baldrian (Valeriana officinalis), Schuppenwurz (Lathraea squamaria), Königskerze (Verbascum spp.) oder Klettenlabkraut (Galium aparine).
Das wohl bekannteste Iridoid ist Aucubin, das unter anderem in Wegerich (Plantago spp.) und Königskerze (Verbascum spp.) vorkommt. Die Wirkung von Aucubin gegen Hepatitis-Viren wie zum Beispiel HCV ist schon länger bekannt.
So kann eine unscheinbare kleine Pflanze am Wegesrand durchaus ein hochpotentes Heilmittel bei Hepatitis C sein, wie schon mein hochgeschätzter Lehrer sie vor 20 Jahren dafür sehr erfolgreich eingesetzt hat.
Aucubin – ein vielseitiges Iridoid
Aucubin aus der Gruppe der Iridoide kommt in vielen Pflanzen und Bäumen als sekundärer Pflanzenstoff vor, aber man findet es auch als Abwehrsekret bei Insekten. Bei der Schmetterlingsart Junonia coenia verwenden die Weibchen das Aucubin als Signalstoff zur Eiablage und die Raupen schützen sich damit vor Fressfeinden.
Einige Pflanzen mit dem Iridoid Aucubin
- Aucuba japonica
- Eucommia ulmoides – Gummi-Ulme
- Euphrasia officinalis – Augentrost
- Plantago lanceolata / major – Spitz- und Breitwegerich
- Plantago asiatica
- Scrophularia nodosa – Knotige Braunwurz
- Valeriana officinalis – Baldrian
- Vitex agnus-castus – Mönchspfeffer
- Veronica officinalis – Ehrenpreis
- Verbascum – Königskerzen
- Veronica beccabunga – Bachbunge
Wirkung
Iridoide haben ein breites Wirkspektrum, das mittlerweile wissenschaftlich gut untersucht ist.
Viele Iridoide wie das Catalpol (Plantago lanceolata), Oleuropein (Olea europaea) und Aucubin haben eine gefäß- und neuroprotektive Wirkung, da sie direkt auf den Nervenstoffwechsel wirken. So konnte in Untersuchungen mit Aucubin gezeigt werden, dass bei Patienten mit Diabetes die Nerven im ZNS geschützt und die Durchblutung gefördert werden. Dies kommt zustande, indem das Aucubin die Lipidperoxidase reduziert und so die Nervenummantelung, die zum größten Teil aus Phospholipiden besteht, vor oxidativem Stress bewahrt. (1) (2)
Die antioxidative Wirkung hat auch eine starke Wirkung auf die Bauchspeicheldrüse, sodass ein antidiabetischer Effekt zustande kommt. (3)
Auch macht sich die antientzündliche Wirkung über die Inhibierung von Entzündungsmediatoren aus Mastzellen (TNF-alpha, IL-6 und NF-kappaB) bei solchen Prozessen positiv bemerkbar, was u. a. zu einer schnelleren Wundheilung führen kann. (4) (5) (6)
Am erstaunlichsten in der Pflanzenwelt ist aber, dass viele Inhaltsstoffe wie die Iridoide zusätzlich eine antivirale und zytotoxische Wirkung haben und so als natürliche Wirkstoffgruppe bis in die DNA-Strukturen hinein wirken können.
Aucubin zeigte in Untersuchungen eine deutliche Wirkung gegen verschiedene Zellmutationen. Auch die Einflussnahme auf die Topoisomerase I spielt bei dieser Wirkung eine wichtige Rolle. Dies konnte mit einem wässrigen Extrakt aus taiwanesischem Plantago in einer geringen Wirkung auf Leukämiezellen gezeigt werden. (7) (8)
Ein wässriger Extrakt aus dem Breitwegerich (Plantago major) und den darin enthaltenen Inhaltsstoffen (Aucubin, Chlorogenic acid, Ferulic acid, p-Coumaric acid und Vanillic acid) konnte eine deutliche Steigerung der Aktivität der Lymphozytenproliferation und Sekretion von Interferon-gamma an menschlichen Blutzellen bewirken. (9)
Die Wirkung von Aucubin gegen Hepatitis-Viren wie z. B. HCV ist schon länger bekannt. Unter anderem verhindert es die DNA-Replikation und wirkt so in Untersuchungen leberprotektierend. (10)
Bei Mutationen von A549-Zellen konnte Aucubin aus den Blättern von Aucuba japonica eine Apoptose und antiproliferative Wirkung durch Induktion von P53 bewirken. Dieses Protein, der sogenannte „Wächter des Genoms“, ist oft inaktiv und kann durch viele Pflanzenstoffe wieder aktiviert werden.
So zeigen kleine unscheinbare Pflänzchen, die am Wegesrand wachsen, wie zum Beispiel Wegerich und Ehrenpreis, eine immens große Wirkung bei schweren Krankheiten bis hin zu zytostatischen und zytotoxischen Wirkungen. (11) (12) (13)
